Schneeknistern | Vom Raum hinter der Stille

Neulich lief ich durch die Stadt und es war Nacht. Das Eis glitzerte auf den Autodächern, ich fühlte meine Hände kaum noch, ich war am ganzen Körper durchnässt, aber in mir loderte etwas. Etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte - etwas, von dem ich angenommen hatte, es nur noch über Umwege und sehr abgeschwächt erreichen zu können. Es war eine Art Lebenswut und -mut, es konnte sich nicht ganz entscheiden, musste es auch gar nicht. Während ich weiße Atemluft ausstieß und mich knisternder Eisregen traf, während ich wütend von einem Abend nach Hause lief, der für mich ganz anders als geplant verlaufen war, wurde mir klar, dass mich eine Kraft erfüllte, die ich lange nicht gespürt hatte. Dass jetzt etwas da war, eine Entschlossenheit - ein Richtigsein vielleicht, dass ich bis vor Monaten nur vage geahnt hatte.


Ich muss vielleicht anders anfangen. "Du wirst niemals mehr eine Bildungsbürgermutter", höre ich zuletzt immer wieder. Das klingt natürlich erstmal wie "schwarz bleibt schwarz, egal was du tust", jetzt mal auf Schafe bezogen. :)  Als meine Freundin Esther neulich allerdings dasselbe sagte, passierte in mir irgendwas - es rastete etwas ein, ich hörte auf, zu widersprechen und kapierte, dass ich, egal, was ich versuchte, das auch nie wirklich gewollt hatte. Ich hatte beileibe viele Bildungsbürger gesehen, war inmitten von welchen aufgewachsen. Abe ich beneidetet keinen von Ihnen: Nicht den gestressten Architekten, nicht seine unglückliche Ehefrau, nicht den hektischen Professor, den ich immer am Kindergarten traf - vielleicht nicht einmal seinen klüngelnden Vorgesetzten mit der ehemals so guten Stelle und den bequemen Pensionen daraus.
Nach Dorf-Schönheit und weißem Gartenzaun (mitsamt zugehörigem Familienideal) sortierte ich also nun die Paarvariante "unglücklich zusammen schlau" für mich aus. Das war etwas, das ich vielleicht schon hätte eher sehen können - an meiner neu gegründeten WG und meinem Glück in diesem unperfekten Modell, an den Büchern auf meinem Fußboden, den Bildern und der Möbelmixtur. Ich jedoch sah es erst an diesem Abend. Das, was ich nich mehr loslasssen wollte, war lediglich zweierlei: Meine neu gefundene Sanftmut und meine Kreativität. Und der Rest würde sich finden. In seinem Tempo. Aber mit Bewegung, bitte, und nicht mit erstarrten Idealen.

"Manche Menschen finden nie ihre Schublade", fügte Esther noch träumerisch hinzu. Das beunruhigte mich ein wenig, aber ich nahm es als Aufforderung, die Schubladen zu prüfen, bevor ich eine aufzöge und darin einschliefe. Ich glaube nämlich an unendlich viele Schubladenzusammensetzungen in rot-grünen wie schwarz-gelben Universen und auf allen Farben dazwischen.


Und während ich nach Hause lief an diesem Abend, verabschiedete ich einen Lebensabschnitt der Versuchens und des In-Der-Zukunft-Lebens und hieß das Jetzt willkommen; das Unperfekte, Schöne, Feine, Grobe, Zärtliche, Grausliche, Halbe und manchmal plötzlich Ganze. Es fühlte sich angenehm an. Als ich am nächsten Abend mein Kindlein ins Bett brachte, war ich auf andere Art und Weise da. Viel näher und trotzdem bei mir. Ich glaube, es ist wirklich so: Dem Kind geht es gut, wenn die Mutter lebt, was ihr guttut - und sich dabei vertraut. Möge diese Erkenntnis des Dürfens einziehen. Möge sich der Fokus weiten auf beide - Mutter und Kind, Mensch und Mensch. Natürlich miteinander. Und auch mal einzeln, fürs Wachstum.

 

Was bringen dir dieser Winter, die letzte große Veränderung oder der neue Lebensabschnitt für Erkenntnisse? Teile sie, wenn du magst. Ich freue mich daurauf. Jule

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Entwickler-Lösung | Einmal Waldhaus und zurück

Ich war immer eine von der schnellen Sorte. Eine, die viel machte, weil sie sich gern ablenken ließ und daraus Kraft bezog. Eine, die alles wollte, weil nur eines viel zu langweilig war. Niemand, der die Tiefe scheute - jemand, in den alles, was geschah, wahnsinnig schnell tief einsackte - und dann wurde es verdaut und der nächste Entwicklungsschritt stand an. Wahrscheinlich hing das damit zusammen, dass ich einerseits ein sehr phantasievolles Kind, andererseits in der Zeit des Der-Kindheit-Entwachsens viel alleine war. Da machte ich manchen sozialen Schritt erst später, aber den ein oder anderen persönlichen umso eher.


Seit ein paar Jahren ist das anders. Seit ein paar Jahren, vielleicht seit der Geburt meines Kindes ist etwas passiert und es passiert immer deutlicher und dauert noch an. Gut, ich habe erst einmal so weitergemacht wie immer: Einfach alles doppelt und davon noch dreimal mehr. Ich kann gut arbeiten unter Druck. Aber seit, ein zwei Jahren merke ich, dass immer, wenn ich das Tempo wieder ein bisschen erhöhen will, eine Blockade mein ständiger Begleiter ist. Es ist kein Ausgebranntsein - eher ein wahnsinnig starkes Mach-mal-langsam, ein Sich-durch-Watte Bewegen und gar nicht anders können als zu blocken. Ich habe jetzt manchmal das Gefühl, da bahnt sich eine Entschlossenheit den Weg, die noch nicht ganz erkannt worden ist von mir. Ein Alles-will-ich-gar-nicht-aber-etwas-richtig, das ich noch nicht so lebe, sondern gerade erst fühle - und das sich langsam füllt.

 

Anders, mit vielem, geht es nicht mehr das habe ich jetzt gesehen. Immer wenn ich es versuche, werde ich erst aggressiv, dann überfordert oder eben - wattiert. Wie ein schön warmer Mantel umpackt mich das Geschehen, das Vermeiden von Zusatzaufgaben und am Liebsten auch von dem bisschen, das jetzt noch zu erledigen ist. Ist vielleicht doch ein ganz kleines bisschen Erschöpfung, dabei? Ich könnte es mir ganz sicher nicht eingestehen, wenn es so wäre - keiner meiner beiden Eltern hält schließlich an, und ich habe das Gefühl, jetzt schon seit Jahren auf der Stelle zu treten und nichts richtig hinzubekommen. Dabei habe ich ein Kind geboren, mich getrennt, bin umgezogen, war berufstätig, habe ein Studium begonnen. Aber die Zufriedenheit, dieser Schlüsselteil des Erwachsenseins, stellt sich nicht ein - jedenfalls nicht in den Verpflichtungen außen, die das Geld für innen, in meiner kleinen Familie, generieren.

 

Vielleicht ist das auch ganz normal - ich habe ja von Anfang an einen anderen Weg beschritten, alles umgekehrt - ins Innen, früh und pippi-langstrumpf-naiv ein Kind geboren, weil ich wusste, dass das wichtig wäre. Dass es mich reifen ließe. Dass es wesentlich ist. Und nun soll ich den Schritt nach außen vollziehen, soll mich in die Welt hinausbegeben und bitte von meinem Job erfüllen lassen, auf dass das Geld endlich reiche. Aber es ist kein Job mit Liebe und selbst wenn - so groß und unmittelbar wie die Liebe, die ich durch mein Kind erfahre, könnte wohl kein Job für mich je sein - einfach weil das Kind zuerst da war und immer die erste Priorität. Dennoch, es treibt mich raus, ich muss ja Umsatz machen, Geld in Bewegung halten, um an dem Innen, das mir so wahnsinnig wichtig ist, festhalten zu können. Kein Wunder also, denke ich jetzt, beim Ordnen der Gedanken, dass es da manchmal zu inneren Krisen, langwierigen Verständnisschwierigkeiten meiner Gefühlswelten und Beglückungsmangel durch den Job oder das, worauf ich hinarbeite, kommt.


Manchmal wünschte ich, ich wäre einfach schon alt, etablierte Therapeutin oder noch besser: Heilerin und würde in meinem - gerade wieder eines entdeckt - Haus am Meer und im Wald mit großem Garten sitzen, Leuten zuhören und meine Seminare geben und Menschen das Leben retten oder je nach Sichtweise verschönern, die sich für die Außenwelt entschieden haben. Mir gehört die Innenwelt, aus der heraus bin ich, und das ist gut. Was für eine schöne Erkenntnis.

 

Das hat sich jetzt so gut niedergeschrieben, dass wir das Bild galant ignoriert haben. Aber ich finde es trotzdem passend: Durch welche Linse betrachtest du das Leben? Was war bei dir zuerst da - innen oder außen? Hast du Schwierigkeiten, dich so anzunehmen wie du bist - mehr innerlich, familiär, oder mehr äußerlich, weltzugewandt? Was musste passieren, damit du das erkannt hast? Schreibe mir. Ich freue mich auf deine Kommentare. Jules

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Wildes Gras | Von unserer Angst vor der eigenen Mächtigkeit

Der Maler stand an seinem Zaun und schaute.  Drüben sah er den Nachbarn, der seinen Rasen soeben akkurat mit der Schere an der Kante zu den Rosenbüschen in Form brachte. Jeder Grashalm hatte die optimale Länge und glitzerte, benetzt von frischem Morgentau, in der Sonne. Der Nachbar schaute herüber und fragte: "Na? Diese Woche schon den Rasen in Form gebracht?"


Der Maler betrachtete die Wiese des Nachbarn, ihr tiefes, beinahe transparentes Grün im Sonnenlicht, das Glitzern an den Spitzen der Halme. Er nahm einen letzten Zug seiner Zigarette und drückte sie aus. "Nein", sagte er ruhig und blickte in den Himmel. Er schloss die Augen und spürte die Strahlen der Morgensonne auf seinem Gesicht. In ihm stiegt ein Gefühl der Unzufriedenheit auf. Der Nachbar verschwand in seinem Haus. Der Maler konzentrierte sich auf die Sonne, spürte aber sein Inneres rebellieren. Er schaute in sich: Fragen kreisten in seinem Kopf. Sollte er sein Gras kürzen - die Ecken dem Gemüsebeet angleichen, den Büschen eine Form verpassen? Nein? Wenn ihm das so klar war - warum störte er sich dann an den Worten seines Nachbarn? Eines Menschen, der für das Blühen der Mohnblumen keinen Blick hatte und für den die Lindenblüte nur Quälerei bei der Autowäsche bedeutete - den aber sein akkurat gepflegter Garten erfülllte? Wieso machte das den Maler nicht ruhig, sondern unruhig angesichts ihrer beider Verschiedenheit? Der Maler las die Fragen in seinem Kopf, spürte sein verwirrtes Herz und schaute ihrem Wirbel zu. Je länger er mit geschlossenen Augen in der Morgensonne stand und den Tanz der Wörter in seinem Kopf ansah, umso mehr wandelte sich seine Unzufriedenheit in ein tiefes Vibrieren. Er wandte seinen Fokus nicht ab. Es wanderte ruhig und stark durch ihn hindurch umd bewegte sein Innerstes. Weltatem. Stille. Keine Wut mehr, nur noch ein wacher, warmer Zustand. Ein Zusammengezogensein, dass sich soeben weitete.


Er atmete und spürte die Erde unter seinen bloßen Füßen. Dann griff er nach seiner Tasse, warf einen letzten Blick über den Zaun, nickte dem Nachbarn hinter dessen Küchenfenster zu und wandte sich ab.

Durch das hohe, morgennasse Gras ging er mit langsamen Schritten zurück zu seinem Haus. Er drückte die weiße Holztür auf und trat ins Zimmer. Bald darauf hörte er den Nachbarn in sein Auto steigen und davon fahren. Er stellte sich an seine Staffelei am Fenster und schaute hinaus. Betrachtete die Mohnblumen, deren rote Blüten wie hingetupft seinen wilden Garten erleuchteten, und dazwischen die weiße Kamille. Trank noch einen Schluck Tee aus den Blütn de Wiesenblumen und des Waldes da herum, spürte den Tee sanftmütig sein Innerstes beruhigen. Der Atem seiner Gartenblumen, die Verschiedenheit jeder einzelnen, durchströmte ihn.
Dann tauchte er seinen Pinsel in die ölige Farbe und malte. Hin und wieder trat er zum Tisch und warf einen Blick auf die Collage, die dort entstand, verstrich etwas Modelliermasse, legte eine glattgeschliffene grüne Scherbe dazu. Dann wieder suchte er auf einem Stück Holz nach dem perfekten warmen Weiß des Himmels an einem sommerlichen Nachmittag vor dem Regen.

Er war nie am frühen Morgen in ein Auto gestiegen und in ein Büro gefahren, um es wieder zu verlassen, wenn der Mittag kurz oder der Abend nah war. Er hatte sich nie zur Arbeit gezwungen.


Der Garten war Teil seiner Seele und seines Werkes. Er war überall, genau wie das Schaffen. Über  blauen Himmel zogen rasch die Wolken. Aus dem Wald traten zwei Gestalten und winkten ihm zu. Er goss Tee für sie auf und in seinen Augen leuchtete das wilde Gras.

Was leuchtet in deinen Augen? Was tust du dafür, dass das so bleibt? Bist du manchmal ratlos, wenn es weniger wird? Kannst du solche Tage auch hinnehmen - oder ist das schwer für dich? Bist du am leuchtendsten allein - oder zu mehreren? Wie viele? Wer? Wann? Warum? Und dann? Hast du dich schon für dein Leuchten entschieden - oder machen dich gleich großes Gras und ein gemütlicher Bürostuhl glücklich? Das ist auch okay, echt! Manchmal. :) Was sind deine kleinen Fluchten? Wovon hast du immer geträumt? Wann machst du es wahr? Warum nicht?
Lass mich teilhaben. Ich freue mich darauf. Jules

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Darf ich? | Von der Freiheit trotz Mutterschaft

Um vom schwachen Reh zur starken Frau zu werden, braucht es Mut. Oft sind wir Glaubensmustern unserer Umgebung ausgeliefert, die uns gar nicht richtig bewusst sind. Damit sie uns bewusst werden, braucht es erst richtig Kraft. Und danach: Noch mehr - das endet nie. Aber vielleicht werden wir stärker. Und abgebrühter. Und bewusster für das, was wir wollen. Und was uns guttut.


Achtung, dieser Text polarisiert. Es geht nicht um Väterrechte. Sondern um Mütterbilder. Und eigentlich ist er eine Bitte, beides in Einklang zu bringen. Auch die Mütterrechte. Und die Väterbilder. Es geht darum, was eine Drohung anrichten kann - und es geht ums Nachdenken darüber, was der Einzelne als Elternpart für Opfer bingen muss - und ob es nicht auch anders geht. Es geht um etwas, was viele Männer schon gut kennen. Um die Freiheit. Deshalb ist die Geschichte auch so rum erzählt, wie sie hier steht.

 

Leben wir in einer emanzipierten Gesellschaft? Ich erzähle diese Geschichte für die weibliche Freiheit.


Kürzlich habe ich die Rede von Sibel Kekilli zum Internationalen Frauentag im Schloss Bellevue gehört. Sie sprach dabei von den Erwartungen des traditionell geprägten Umfeldes, vor allem den Erwartungen der Männer, denen Frauen und Mädchen immer noch ausgesetzt sind. Die Medien und sie selbst bezogen ihre Rede vor allem auf den muslimischen Kulturkreis. Und es stimmt sicher, dass Frauen aus jener Kultur es noch einmal viel schwerer haben, ihren Weg zu gehen; insbesondere wenn sie nicht in urbanem Umfeld, sondern in kleinstädtischen Strukturen, in enger Familien- oder Religionsgebundenheit aufwachsen. Ich möchte die beiden Gesellschaften und die kulturellen Unterschiede nicht gleichsetzen. Morddrohungen sind eine weitaus schlimmere Waffe als soziale Ausgrenzung. Aber ich möchte mit dieser Assoziation hinweisen: Darauf, dass auch hier in Deutschland noch Rollenerwartungen vorherrschen, die weit weg von Gleichberechtigung sind. Ich möchte so weit gehen, zu sagen, dass Frauen (und erst recht Mütter) es heute in der - folgt man der üblichen medialen Deutungsweise - emanzipierten deutschen Gesellschaft schwer haben, zu sich zu stehen und - zum Beispiel trotz Mutterschaft - einen eigenen Weg zu beschreiten.

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Eine Erzählung

 

Nehmen wir für unsere Geschichte eine junge Frau an. Alleinstehend. Mutter. Aber ob das der Fall wäre oder christliche Moral und traditionelle Familienbilder hier das komplizierende Moment darstellen würden, ist eigentlich egal. Betrachten wir ihr Elternhaus: Bürgerlicher Mittelstand, in dem es den Eltern finanziell nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut geht. Die Elterngeneration war vielleicht die erste studierende und ganz sicher die erste, die nach dem Krieg in gesicherten Familienverhältnissen aufwuchs. Unsere junge Frau hat vielleicht Geschwister, an denen sie sich misst und die die geforderte Anpassung an vermittelte Rollenbilder scheinbar problemlos meistern, den wer sieht von außen nicht perfekter aus als wir selbst?

Geben wir der angenommenen jungen Dame ihr Kind an die Hand und lassen die Beziehung zu dessen Vater in der Lesart des Umfeldes/der ihrer eigenen Prägung "durch ihr Verschulden " (oder durch ihre mangelnde Anpassungsbereitschaft?) gescheitert sein. Ein von riesigen Schuldgefühlen überwölbtes Moment ihrer Geschichte. Wie wird sich diese junge Frau nach dem Ende der Liaison mit dem Kindsvater plus Familienalltag gefühlt haben? Sicher, sie wird sich Vowürfe machen.

 

Das Kind wächst bei Ihr auf, und ensprechend der Vernunft wird sie sich für das eigene finanzielle "Standing" nach der Trennung sofort für eine Stelle entscheiden. Sie merkt womöglich, das sich die finanzielle Sicherheit sich nicht so entwickelt, wie erhofft. Von der ideellen Zufriedenheit reden wir schon gar nicht mehr. (- Schade eigentlich, oder? Wäre das nicht unsere Frage an einen alleinerziehenden Vater: "Und, erfüllt es dich?")


Die vernünftige Wahl


Die junge Frau sieht ihr Kind 50 Stunden die Woche gar nicht und verpasst mit ihrer Vollerwerbstätigkeit das Gros zweier wichtiger Lebensjahre ihres emotionalen Kleinods. Gleichwohl, sie bildet sich berufsbegleitend fort und entscheidet sich schließlich für einen Universitätsabschluss, der sie aus der Jobmisere befreien soll. Seit der Schulzeit treibt die junge Dame der Gedanke eines kreativen Studiums um. Sie entscheidet zugunsten des Rates ihrer Eltern und des Umfelds, den Studienweg in die - "sichere" - Wirtschaft zu gehen.

 

Das Studium beginnt. Es ist etwas mehr Zeit für das Kindlein als vorher, die junge Frau fühlt sich trotz begleitenden Jobs freier und spürt große emotionale Nähe zu ihrem Kind. Alles für eine bessere Zukunft. Allein, die Zufriedenheit mit dem Studium will sich nicht einstellen. In einem höheren Semester entschließt sich die junge Frau zu einer Aufnahmeprüfung in einem kreativen Studiengang in der Großstadt, den sie seit ihrer Schulzeit erfolgreich meidet. Sie bekommt Bestärkung und positives Feedback, das Studium aufzunehmen.

 

Die Gabelung


Sie bemüht sich um Kindergarten, Wohnung und was es sonst braucht. Alles könnte gut sein. Wäre da nicht der Druck des Umfeldes - und natürlich! der des Kindsvaters - auf die junge Frau. Der Vater fordert keine weiteren Wechsel der Kindssituation. Von der Dynamik des Kindswachstums und der baldigen Einschulung wollen wir gar nicht reden - sie sei Wechsel genug. Die junge Fru müht sih zu verstehen - was leichter fiele, wären da nicht der Druck, die Einsamkeit, die fehlende Bestätigung und die mit der Trennung vor Jahren vereisten Freundschaften. Die Ächtung durch das Umfeld jedes Mal, wenn sie alte Freunde aus der Zeit des normalen Familienalltags trifft. ("Ach, du bist ja gar nicht so scheiße wie immer alle erzählen." Solche Kommentare passieren.) Alles in allem Vorwürfe, die an ihr nagen und denen sie sich seit Jahren nicht entziehen kann - und die nun in jener prekären Situation ihre volle Wucht entfalten.

 

Zurück zur Gegenwart: Der neue Weg stellt sich unabhängig von den Schwierigkeiten mit dem Kindsvater als möglich dar. Auch die Eltern der jungen Dame versagen ihr jedoch jetzt jegliche Unterstützung. Nein, ideell seien sie - seufzen sie - natürlich an der Seite ihres Kindes; aber die Studiengebühren und des Paradigmenwechsel veranlassen sie, per gutem Rat (und mittels emotionalem Stress) auf die Tochter, die gleichzeitig Mutter ist, bezüglich einer Fortsetzung des begonnen Studiums zu appellieren. Die junge Frau steht an diesem Scheidepunkt vollständig allein da. Wichtige Freunde wenigstens raten und bieten Halt. Aber der Halt der Herkunftsfamilie, den die alleinstehende junge Frau vor dieser mutigen Entscheidung dringend bräuchte, fällt weg. Der Vater des Kindes reagiert indes weiter mit Unverständnis.


Die alten Schuhe


Der alte Vorwurf nach dem "mangelnden Blick auf das Kind" aus der Trennungszeit kehrt wieder. Alte Bekannte werfen der jungen Frau mit dem Wunsch nach dem Studien- und dem damit einhergehenden Ortswechsel einen "Selbstverwirklichungstrip" vor. Die Tatsache, dass die junge Frau über die finanziellen und ideellen Folgen dieses Paradigmenwechsels für sich und die Zukunft ihres Kindes sehr genau nachgedacht haben könnte, wird schlicht nicht erwogen. Wenn sie dies wirklich wolle, habe sie nicht genug nachgedacht, so ihr Umfeld.

 

... neu besohlt


Die junge Frau zweifelt zunehmend an ihrer Entscheidungsfähigkeit. Die Möglichkeit, einfach dazubleiben und weiter um ihres Kindes willen einem für sie "abgelegten" Weg zu folgen, erscheint ihr schlicht nicht umsetzbar. In den Wochen vor dem Gespräch mit dem Vater des Kleinods wird sie, mitten in Job, Studium und eventuelle "neuer Wahl" noch zusätzlich durch die Tatsache unter Druck gesetzt, dass der Vater die Möglichkeit thematisiert, ihr das gemeinsame Kind gerichtlich zu entziehen. (Zu bemerken ist hier: Sie wollte weder dem Vater sein Kind entziehen noch weiter von dessen Wohnort wegziehen.) Diese Drohung also? Eine Katarsis.

 

Die Wanderung


Geht sie ihren Weg weiter? Da sie das Bleiben als alternativlos empfindet, zunächst ja. Trotz der Sehnsucht nach Leichtigkeit, die hier und jetzt nicht zu erreichen ist, und die sie unglücklich macht, steht sie an der Weggabelung und schnürt die Schuhe. Da es vernunftgebundene Gründe gibt, den Weg jetzt zu gehen. Da die nächsten Schritte klar sind, wartet sie nicht mehr auf eine Bestätigung des Umfeldes. Aber auch, weil sich diese Zustimmung vielleicht erst mit dem Beweis positiver Resultate einstellt. Oder vielleicht nie. Es kostet sie täglich Kraft. Es bedeutet die tägliche Überwindung des inneren Richters, zumindest bis zum Ankommen in den neuen Lebensumständen.


Es bedeutet, sich täglich dem Umfeld zu stellen und eine ganz neue Qualität zu kultivieren: Die, nicht auf Ratschläge von außen zu hören. Die, ihrer eigenen Vernunft und ihrem Herzenswissen zu vertrauen. Zu wissen, dass sie für sich und ihr Kind immer zuerst Sorge trägt und dass ihr selbst das natürlich absolut klar ist - auch wenn das Umfeld sie glauben machen will, sie handle aus purem Egoismus. Es bedeutet gleichzeitig, sich vorübergehend wie ein trotziger Teenager zu benehmen und seinem eigenen Weg zu vertrauen. Dass trotzige Selbstliebe nicht dasselbe ist wie wirkliche innerste Selbstverbundenheit - das wird sie später noch lernen.

 

Das erinnerte Wissen


Mit dem Wissen, dass die besten Entscheidungen hinterher immer die waren, die man nach reiflicher innerer Überlegung ganz für sich, gaz allein getroffen hat, geht die junge Frau an diesem Punkt ihres Weges. Das Kind ist bei alldem selbstverständlicher Bestandteil des Prozesses. Die Informationen nach guten Schulen und Umfeldern waren die ersten Schritte. Der Finanzplan war Schritt zwei. Und erst dann kam der Rest. Wobei ganz davor das Herz stand. Aber das, das darf man als alleinerziehende Mtter heute nicht mehr sagen. Es ist verpönt, nicht zugunsten des Kindes mit dem Kopf zu entscheiden. Arme Gesellschaft.

 

Die Umkehrung


Am Ende dieser Story ein paar Fragen. Was wäre wenn... Wenn im umgekehrten Fall der Mann der Akteur wäre:

 

- Würde ein Mann zweifeln, ob sein Weg der richtige ist, bevor er ihn geht?

- Würde ein Mann, der das Kind erzieht, die Frau um Erlaubnis bitten - oder der Frau mitteilen, zu was er sich entschlossen hat und welche Konsequenzen das mit sich bringt?

- Würde die Frau daraufhin vom Mann verlangen, zu bleiben wo er ist und "vernünftig zu sein", wenn er einen neuen Job oder eine Ausbildung beginnen kann, die ihn erfüllt -oder brächte sie ehr Verständnis auf und böte sie eher Hilfe an?

- Würde ein alleinerziehender Vater, der für eine Ausbildung die Stadt mit dem Kind wechselt, vom Umfeld mit einer Selbstverwirklichungsmasche geächtet werden - oder würde es womöglich dem Umfeld darum gehen, dass das Kind gut betreut ist in der Zeit seiner Ausbildung. (O-Ton beste Freundin zum Vater wömöglich: "Ich find das ja eh toll, dass du das Kind so ganz allein erziehst." Ja. So sind wir Frauen...)

 

Der Spiegel zur Welt


Ich denke, hier geht es vor allem um die Bilder,die wir von Frau oder Mann haben.

 

Frauen gelten - vielleicht, weil sie traditionell zuhause waren und sich um die Kinder kümmerten, aber auch sich andere Aufgaben suchten, Nähzirkel, Caritas, Kaffeeklatsch, wasweißich - als sprunghaft, unvernünftig, unsicher. - Ja, wo sollten sie sich bisher denn beweisen? Und wo diese Kompetenzen entwickeln? Wo bekamen sie sie vorgelebt, wenn unsere Müttergeneration die erste oder zweite arbeitende ist? Männer gelten als Macher, als Vernunftmenschen, als Lösungsfinder, die pragmatisch noch auf den Bau gehen, um Brot kaufen zu können.

 

Die Wirklichkeit

 

Was dabei (abgesehen von vielem anderen) untergeht, ist die Tatsache, dass alleinstehende Mütter oft genauso vernunftorientiert und pragmatisch funktionieren und handeln wie Männer. Natürlich, denn es geht um ein wehrloses Wesen und ich persönlich kenne keine Mutter, die nicht noch ihr letztes Hemd für ihr Kind geben würde. Das muss aber nicht heißen, dass Frauen nun nur noch ein vernunftgesteueres Leben im Stakkato führen müssen, um dem Kind ein Aufwachsen in einem intakten Familienbild zu ermöglichen. Und das bedeutet auch nicht, dass der Vater, selbst nicht recht angekommen, dies von der Frau verlangen darf. Oder?

 

Das Glück des Kleinen


Die Frage, ob das Kind glücklich ist, wenn es die Mutter ist, sol hier wiefolgt beantwortet werden: Natürlich braucht ein Kind eine Wohnung. Es braucht Schuhe, Butter und Brot, Rituale, Freunde, Gewohnheiten. Aber für eine glückliche Kindheit braucht es noch mehr. Es braucht eine Mutter, die auch mal ohne Kindlein ausgeht, die auch Hobbies pflegt oder schlicht ein Leben mit einem Job, der sie so erfüllt, dass sie keine Hobbiesmehr braucht, weil Pflicht Kür ist - oder so. Damit sie Kraft sammelt, auch einen Kinderfreundenachmittag bei sich zu veranstalten. Eine Mutter also, ob alleinstehend oder nicht, die das tut, was sie mag und sich so wenig wie es geht, von den Erwartungen anderer verbiegen lässt. Es braucht Authentizität. Nicht Selbstbezogenheit, beileibe nicht. Aber es braucht authetische Mütter, die tun, was ihnen Freunde bereitet - MIT ihren Kindern. Damit sie FÜR ihre Kinder sein können.

 

Über Kinder ohne Mütter, also einen Wechsel des betreueunden Elternteils spreche ich hier nicht. Grund war die Entschlossenheit beider Eltern: Es sei nicht gut, Wochenendelternschaft oder Alltagselternschaft nach Gusto einfach hin- und herzutauschen. Einem Kind soll es im Alltag gutgehen. Ja. Und wichtigestes Umfeld sind die prägenden Erwachsenen im täglichen Umfeld. Dann geht ein Kind sicher in die Welt, wenn es zuhause sicher steht.


Die falsche Entscheidung

 

Wenn aber nun Mama Entscheidungen aufschiebt um des Kindes willen, und dann bitter wird, ohne es zu wollen - ist das dann optimal? Ist es gut, wenn man Angst hat, als Frau (oder Mann - aber hier und heute einmal die Frage: als Frau) mit Kind etwas zu ändern, weil die Foren voll sind von Berichten über Väterrechte, von Aufhetzung gegen die "Selbstverwirklichung von Rabenmüttern" - und weil man Angst hat, sein Kind zu verlieren, wenn man zu sich steht? Wenn man deshalb einen Lernprozess über die eigenen Freiheit aufstoppt? Ist das dann gut? Nein - sicher nicht - aber das sind die Erwartungen, mit denen jene junge Frau wie viele junge Frauen konfrontiert war. Was bleibt, wenn die Erwartungen des Umfeldes, von Gleichaltrigen, ehemaligen Partnern, Eltern, Großeltern so riesig sind, dass man, geschrieben oder ungeschrieben, einen täglichen Kampf kämpft, um sich über sie hinwegzusetzen?

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Das ist eine deutsche Geschichte. Ist das eine freie Gesellschaft? Die fehlende Wahl.

 

Für jene, die sagen, man könne die Schwierigkeiten beider Kulturen, der unserer Parabel und der aus Kekillis Kultur nicht vergleichen: Dies ist lediglich ein Hinweis. Ein Hinweis, dass auch wir noch weit weg sind von einer gleichberechtigten Gesellschaft. Ist psychische Gewalt nicht auf einer Stufe mit körperlicher? Und kommt es nicht beinahe einer Todesdrohung gleich, wenn eine Frau fürchten muss, ihr Kind zu verlieren - oder sich selbst?

Ich schließe in tiefer Verbundenheit mit Sibel Kekilli: "Was ist so bedrohlich an einer freien Frau?"

 

Und du? Hast du Angst vor einer starken Frau? Oder bist du eine? Was hat es für dich gebraucht, um da hin zu kommen? Hat es sich auch manchmal ausgezahlt, doch auf dein Umfeld zu hören? Oder tust du das schon lange nicht mehr? Wann hast du dich schwach gefühlt - in die Enge getrieben - und wie darauf reagiert? Bist du schon fertig mit dem Starkwerden? Oder sind wir das nie? Ist unsere Gesellschaft in ihren Rollenbildern bereits emanzipiert? Oder geht die das am Popöchen vorbeit, weil du lieber mit Freundinnen Kaffee trinkst, nachdem ihr shoppen wart, eure Kinderwagen neben euch, bevor es nach Hause geht, Kuchen backen? :) In jedem Fall: Lass mich teilhaben. Ich freue mich darauf. Jules

 

 

Zeitverwendung | Von  Grossmutters Güte und der Einmaligkeit des Seins

Was würdest du tun, wenn du genau wüsstest, wie lange du noch Zeit hast für die Erfüllung oder das eigene Glück?

Was würdest du tun, wenn dir dieses Leben plötzlich nicht mehr als lange Spanne erscheint, sondern einen Termin bekommt? Denn das hat es. Man nennt es Phasen. Nur leider hat die Zeit IN diesen Phasen oft etwas Grenzenloses. Wenn du statt Grenzenlosigket einmal daran denkst, dass dieses Leben einen Schlusspunkt hat, passiert in dir etwas. Dein Fokus ändert sich. Das kann heilsam sein und wach machen. In diesem Sinne: Guten Morgen! Ich fordere dich jetzt nicht auf, deine Familie zu verlassen und dein Ding zu machen. Ich sage auch nicht, dass du in jedem Augenblick das große Glück erleben musst - oder kannst.  Ich frage nur, was ungetan bleibt, wenn du beständig Ausschau nach morgen hältst. Oder versuchst, den Autofokus statt auf die Wäsche im Vordergrund auf die Ferne zu richten. Was passiert dann? Du siehst nicht die Mitte.

Auf der einen Seite der Alltag. Das Liegengebliebene. Auf der anderen Seite der Stress -  immer was machen, das richtige tun, immer wählen müssen. Der Komfort, das tun zu können, sicher. Aber auch: die Erwartung. Wir können nicht gut abwägen. Wir sind keine Roboter. Ich frage wegen dem Milchkaffee am Morgen und den vielen Terminen danach: Was verpasst du zu tun? Was lässt dich innehalten? Was würdest du deinem Ich sagen, wenn das heute ein Tag werden soll, den du nicht bereust?

Ich ... würde meinem Kind sagen, das ich es liebe. Und es dabei ansehen, und zwar drei Sekunden länger als ich es sonst ansehe. Dann würde ich mir denken "Warum klappt das sonst nicht?" und mir Vorwürfe machen. Mein Großmutter-Ich, weise und etwas zerstreut von ganz hinten in meinem Kopf würde die Antwort murmeln. "Herzchen, weil das das Leben ist. Weil wir Menschen sind. Es klappt nicht immer, aber manchmal denken wir dran. Wie du jetzt gerade."
Ich würde schauen. Auf mein Kind, während es Sätze ohne Punkte baut, mich zu Schokolade am Morgen zu überreden versucht und plötzlich verträumt dasteht, obwohl der Bus gleich fährt.

Ich würde meinem Partner sagen, dassich ihn liebe und ihn fragen, ob ich ihm heute etwas abnehmen kann - weil er mir die vergangenen Tage sehr viel zur Seite gestanden hat. Auch ihn würde ich etwas länger ansehen als sonst,bevor er sich verabschiedet, und natürlich wäre er irritiert. Dann würde ich mich mit einem Milchkaffee hinsetzen, und wenn das Gedankenkarussell anspringt, würde ich wissen, dass mein Kopf schon eine Wundermaschine ist: Was der alles auf die Reihe kriegt. Und dass ich sonst, außerhalb von diesem Menschenleben, weder Terminpläne noch Sinnesfragen darin habe. Und dass das ganz schön schade wäre.
Danach würde ich im Alltagschaos untergehen. Gelegentlich würde ich aufatmen und merken, dass die Luft frisch durch meine Lunge und meinen Körper zieht, und dass die Welt grün ist und blau und weich und klar heute morgen auf den Straßen.

Ich würde meine Füße spüren, wie sie den Boden berühren und mir vorstellen, ich trüge Wurzeln unter ihnen, um nicht abzuheben. Baumwurzeln. Wieder so ein Kopfwunder, diese Vorstellungskraft. Nach diesen hochfliegenden Gedanken würde ich mich erneut in Hätte, Könnte, Wäre, Müsste, Sollte und Muss verlieren. Und das Nötigste erledigen. Und mich wieder erinnern. Schuldbewusst.  Und dann würde ich weise vom Ende meines Lebens schauen, wie mein Großmutter-Ich "Entspann dich, Kind", brummelt und mich gütig ansieht.

Und noch etwas wäre anders, etwas Wesentliches: Ich würde wissen, dass heute keine Zeit ist, die großen Pläne, denen ich immer nachrenne, noch umzusetzen... sich in einer unerreichten Zukunft zu verlieren. Ich würde wissen, dass ich nur noch einen kleinen Schritt in deren Richtung gehen kann. Und ich würde damit ZUFRIEDEN sein. Weil ich wüsste, ich komme nicht in der Realität an, die ich träume. Aber in meiner Realität. In meinen kleinen Schritten.

Und plötzlich käme ich wieder zu Atem.

Am Nachmittag würde ich mein Kind abholen und es fragen, wozu es heute Lust hätte und mit wem. Ich würde mein Handy ausschalten und keine Arbeit mitnehmen. Wir würden Eis essen und uns bekleckern (ungeachtet dem "Ich finde keine Hose, Mama!", das aus solchen Laissez-faire-Nachmittagen zwangsläufig folgt). Ich würde mich zwischendurch heimlich ärgern über nicht Getanes - dass ich niemandem helfe auf der Welt, dem es schlechter geht. (Ich bin mehr so ein Überweiser und Gefälltmirklicker.) Und Großmutter würde im Background meiner Synapsen murmeln "Schau auf den Kleinen, genieß es."

Und später würde ich jemandem in die Augen sehen, der zufällig zurückguckt, ich würde lächeln, meinem kleinen Sohn über den Kopf streichen und seinen atemlos gesprochenen Worten lauschen, ich würde die Möwen sehen , die um's Hochhaus kreisen und dankbar sein, dass er mich daran erinnert wie voll die Welt ist von Dingen, die wir verpassen, wenn wir nur geradeaus, vor oder hinter oder neben uns schauen, ob wir auch niemandem auf die Füße treten.
Abends würde ich müde ins Bett fallen, nachdem ich meinen Eltern gedankt hätte, dass sie mich geboren, geliebt und geprägt haben. Ich würde meinen engsten Freunden schreiben, wie wunderschön es ist, dass sie meinen Wortschwällen und meiner Verzweiflung gelauscht und mir darin immer geraten haben. Und dann würde ich mein Kind neben mir atmen hören mit seinen nassgeschwitzten Haaren, und es würde leise murmeln "Mein Seelenvogel hat gerade gekichert in meinem Bauch" und ich würde wissen, dass alles gut ist, so gut wie es nur sein kann, in dieser Welt, an diesem Tag, in dieser Nacht, in diesem Leben.

Und du? Was wäre, wenn du jetzt einen Termin bekämst - für dein Leben, für dein Glück, dein Ankommen? Was würde ungestraft ungetan bleiben? Was möchtest du noch tun? Was willst du nicht bereuen? Wofür gibt die diese Idee Kraft? Wir können versuchen, den Fokus von gestern und morgen in die Mitte zu legen. Wir können es nur üben. Ganz perfekt wird es nie. Wir werden immer wieder abschweifen mit dem Verstand, uns Vorwürfe machen, Dinge denken, die wir zu denken gewohnt sind. Und nur in der Gegenwart zu bleiben ist nicht immer die Lösung. Aber dieses Großmuttergefühl zumindest lehrt: Güte mit unserer Gegenwart, die Normalität kleiner Schritte. Nachsicht mit dem Kopf. (Wir sind Menschen. Das ist kein Vorwurf.) Erzähle mir von dir. In den Kommentaren. Ich freue mich auf  dich. Jules

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