Schneeknistern | Vom Raum hinter der Stille

Neulich lief ich durch die Stadt und es war Nacht. Das Eis glitzerte auf den Autodächern, ich fühlte meine Hände kaum noch, ich war am ganzen Körper durchnässt, aber in mir loderte etwas. Etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte - etwas, von dem ich angenommen hatte, es nur noch über Umwege und sehr abgeschwächt erreichen zu können. Es war eine Art Lebenswut und -mut, es konnte sich nicht ganz entscheiden, musste es auch gar nicht. Während ich weiße Atemluft ausstieß und mich knisternder Eisregen traf, während ich wütend von einem Abend nach Hause lief, der für mich ganz anders als geplant verlaufen war, wurde mir klar, dass mich eine Kraft erfüllte, die ich lange nicht gespürt hatte. Dass jetzt etwas da war, eine Entschlossenheit - ein Richtigsein vielleicht, dass ich bis vor Monaten nur vage geahnt hatte.


Ich muss vielleicht anders anfangen. "Du wirst niemals mehr eine Bildungsbürgermutter", höre ich zuletzt immer wieder. Das klingt natürlich erstmal wie "schwarz bleibt schwarz, egal was du tust", jetzt mal auf Schafe bezogen. :)  Als meine Freundin Esther neulich allerdings dasselbe sagte, passierte in mir irgendwas - es rastete etwas ein, ich hörte auf, zu widersprechen und kapierte, dass ich, egal, was ich versuchte, das auch nie wirklich gewollt hatte. Ich hatte beileibe viele Bildungsbürger gesehen, war inmitten von welchen aufgewachsen. Abe ich beneidetet keinen von Ihnen: Nicht den gestressten Architekten, nicht seine unglückliche Ehefrau, nicht den hektischen Professor, den ich immer am Kindergarten traf - vielleicht nicht einmal seinen klüngelnden Vorgesetzten mit der ehemals so guten Stelle und den bequemen Pensionen daraus.
Nach Dorf-Schönheit und weißem Gartenzaun (mitsamt zugehörigem Familienideal) sortierte ich also nun die Paarvariante "unglücklich zusammen schlau" für mich aus. Das war etwas, das ich vielleicht schon hätte eher sehen können - an meiner neu gegründeten WG und meinem Glück in diesem unperfekten Modell, an den Büchern auf meinem Fußboden, den Bildern und der Möbelmixtur. Ich jedoch sah es erst an diesem Abend. Das, was ich nich mehr loslasssen wollte, war lediglich zweierlei: Meine neu gefundene Sanftmut und meine Kreativität. Und der Rest würde sich finden. In seinem Tempo. Aber mit Bewegung, bitte, und nicht mit erstarrten Idealen.

"Manche Menschen finden nie ihre Schublade", fügte Esther noch träumerisch hinzu. Das beunruhigte mich ein wenig, aber ich nahm es als Aufforderung, die Schubladen zu prüfen, bevor ich eine aufzöge und darin einschliefe. Ich glaube nämlich an unendlich viele Schubladenzusammensetzungen in rot-grünen wie schwarz-gelben Universen und auf allen Farben dazwischen.


Und während ich nach Hause lief an diesem Abend, verabschiedete ich einen Lebensabschnitt der Versuchens und des In-Der-Zukunft-Lebens und hieß das Jetzt willkommen; das Unperfekte, Schöne, Feine, Grobe, Zärtliche, Grausliche, Halbe und manchmal plötzlich Ganze. Es fühlte sich angenehm an. Als ich am nächsten Abend mein Kindlein ins Bett brachte, war ich auf andere Art und Weise da. Viel näher und trotzdem bei mir. Ich glaube, es ist wirklich so: Dem Kind geht es gut, wenn die Mutter lebt, was ihr guttut - und sich dabei vertraut. Möge diese Erkenntnis des Dürfens einziehen. Möge sich der Fokus weiten auf beide - Mutter und Kind, Mensch und Mensch. Natürlich miteinander. Und auch mal einzeln, fürs Wachstum.

 

Was bringen dir dieser Winter, die letzte große Veränderung oder der neue Lebensabschnitt für Erkenntnisse? Teile sie, wenn du magst. Ich freue mich daurauf. Jule

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