Wildes Gras | Von unserer Angst vor der eigenen Mächtigkeit

Der Maler stand an seinem Zaun und schaute.  Drüben sah er den Nachbarn, der seinen Rasen soeben akkurat mit der Schere an der Kante zu den Rosenbüschen in Form brachte. Jeder Grashalm hatte die optimale Länge und glitzerte, benetzt von frischem Morgentau, in der Sonne. Der Nachbar schaute herüber und fragte: "Na? Diese Woche schon den Rasen in Form gebracht?"


Der Maler betrachtete die Wiese des Nachbarn, ihr tiefes, beinahe transparentes Grün im Sonnenlicht, das Glitzern an den Spitzen der Halme. Er nahm einen letzten Zug seiner Zigarette und drückte sie aus. "Nein", sagte er ruhig und blickte in den Himmel. Er schloss die Augen und spürte die Strahlen der Morgensonne auf seinem Gesicht. In ihm stiegt ein Gefühl der Unzufriedenheit auf. Der Nachbar verschwand in seinem Haus. Der Maler konzentrierte sich auf die Sonne, spürte aber sein Inneres rebellieren. Er schaute in sich: Fragen kreisten in seinem Kopf. Sollte er sein Gras kürzen - die Ecken dem Gemüsebeet angleichen, den Büschen eine Form verpassen? Nein? Wenn ihm das so klar war - warum störte er sich dann an den Worten seines Nachbarn? Eines Menschen, der für das Blühen der Mohnblumen keinen Blick hatte und für den die Lindenblüte nur Quälerei bei der Autowäsche bedeutete - den aber sein akkurat gepflegter Garten erfülllte? Wieso machte das den Maler nicht ruhig, sondern unruhig angesichts ihrer beider Verschiedenheit? Der Maler las die Fragen in seinem Kopf, spürte sein verwirrtes Herz und schaute ihrem Wirbel zu. Je länger er mit geschlossenen Augen in der Morgensonne stand und den Tanz der Wörter in seinem Kopf ansah, umso mehr wandelte sich seine Unzufriedenheit in ein tiefes Vibrieren. Er wandte seinen Fokus nicht ab. Es wanderte ruhig und stark durch ihn hindurch umd bewegte sein Innerstes. Weltatem. Stille. Keine Wut mehr, nur noch ein wacher, warmer Zustand. Ein Zusammengezogensein, dass sich soeben weitete.


Er atmete und spürte die Erde unter seinen bloßen Füßen. Dann griff er nach seiner Tasse, warf einen letzten Blick über den Zaun, nickte dem Nachbarn hinter dessen Küchenfenster zu und wandte sich ab.

Durch das hohe, morgennasse Gras ging er mit langsamen Schritten zurück zu seinem Haus. Er drückte die weiße Holztür auf und trat ins Zimmer. Bald darauf hörte er den Nachbarn in sein Auto steigen und davon fahren. Er stellte sich an seine Staffelei am Fenster und schaute hinaus. Betrachtete die Mohnblumen, deren rote Blüten wie hingetupft seinen wilden Garten erleuchteten, und dazwischen die weiße Kamille. Trank noch einen Schluck Tee aus den Blütn de Wiesenblumen und des Waldes da herum, spürte den Tee sanftmütig sein Innerstes beruhigen. Der Atem seiner Gartenblumen, die Verschiedenheit jeder einzelnen, durchströmte ihn.
Dann tauchte er seinen Pinsel in die ölige Farbe und malte. Hin und wieder trat er zum Tisch und warf einen Blick auf die Collage, die dort entstand, verstrich etwas Modelliermasse, legte eine glattgeschliffene grüne Scherbe dazu. Dann wieder suchte er auf einem Stück Holz nach dem perfekten warmen Weiß des Himmels an einem sommerlichen Nachmittag vor dem Regen.

Er war nie am frühen Morgen in ein Auto gestiegen und in ein Büro gefahren, um es wieder zu verlassen, wenn der Mittag kurz oder der Abend nah war. Er hatte sich nie zur Arbeit gezwungen.


Der Garten war Teil seiner Seele und seines Werkes. Er war überall, genau wie das Schaffen. Über  blauen Himmel zogen rasch die Wolken. Aus dem Wald traten zwei Gestalten und winkten ihm zu. Er goss Tee für sie auf und in seinen Augen leuchtete das wilde Gras.

Was leuchtet in deinen Augen? Was tust du dafür, dass das so bleibt? Bist du manchmal ratlos, wenn es weniger wird? Kannst du solche Tage auch hinnehmen - oder ist das schwer für dich? Bist du am leuchtendsten allein - oder zu mehreren? Wie viele? Wer? Wann? Warum? Und dann? Hast du dich schon für dein Leuchten entschieden - oder machen dich gleich großes Gras und ein gemütlicher Bürostuhl glücklich? Das ist auch okay, echt! Manchmal. :) Was sind deine kleinen Fluchten? Wovon hast du immer geträumt? Wann machst du es wahr? Warum nicht?
Lass mich teilhaben. Ich freue mich darauf. Jules

Kommentar schreiben

Kommentare: 0