Darf ich? | Von der Freiheit trotz Mutterschaft

Um vom schwachen Reh zur starken Frau zu werden, braucht es Mut. Oft sind wir Glaubensmustern unserer Umgebung ausgeliefert, die uns gar nicht richtig bewusst sind. Damit sie uns bewusst werden, braucht es erst richtig Kraft. Und danach: Noch mehr - das endet nie. Aber vielleicht werden wir stärker. Und abgebrühter. Und bewusster für das, was wir wollen. Und was uns guttut.


Achtung, dieser Text polarisiert. Es geht nicht um Väterrechte. Sondern um Mütterbilder. Und eigentlich ist er eine Bitte, beides in Einklang zu bringen. Auch die Mütterrechte. Und die Väterbilder. Es geht darum, was eine Drohung anrichten kann - und es geht ums Nachdenken darüber, was der Einzelne als Elternpart für Opfer bingen muss - und ob es nicht auch anders geht. Es geht um etwas, was viele Männer schon gut kennen. Um die Freiheit. Deshalb ist die Geschichte auch so rum erzählt, wie sie hier steht.

 

Leben wir in einer emanzipierten Gesellschaft? Ich erzähle diese Geschichte für die weibliche Freiheit.


Kürzlich habe ich die Rede von Sibel Kekilli zum Internationalen Frauentag im Schloss Bellevue gehört. Sie sprach dabei von den Erwartungen des traditionell geprägten Umfeldes, vor allem den Erwartungen der Männer, denen Frauen und Mädchen immer noch ausgesetzt sind. Die Medien und sie selbst bezogen ihre Rede vor allem auf den muslimischen Kulturkreis. Und es stimmt sicher, dass Frauen aus jener Kultur es noch einmal viel schwerer haben, ihren Weg zu gehen; insbesondere wenn sie nicht in urbanem Umfeld, sondern in kleinstädtischen Strukturen, in enger Familien- oder Religionsgebundenheit aufwachsen. Ich möchte die beiden Gesellschaften und die kulturellen Unterschiede nicht gleichsetzen. Morddrohungen sind eine weitaus schlimmere Waffe als soziale Ausgrenzung. Aber ich möchte mit dieser Assoziation hinweisen: Darauf, dass auch hier in Deutschland noch Rollenerwartungen vorherrschen, die weit weg von Gleichberechtigung sind. Ich möchte so weit gehen, zu sagen, dass Frauen (und erst recht Mütter) es heute in der - folgt man der üblichen medialen Deutungsweise - emanzipierten deutschen Gesellschaft schwer haben, zu sich zu stehen und - zum Beispiel trotz Mutterschaft - einen eigenen Weg zu beschreiten.

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Eine Erzählung

 

Nehmen wir für unsere Geschichte eine junge Frau an. Alleinstehend. Mutter. Aber ob das der Fall wäre oder christliche Moral und traditionelle Familienbilder hier das komplizierende Moment darstellen würden, ist eigentlich egal. Betrachten wir ihr Elternhaus: Bürgerlicher Mittelstand, in dem es den Eltern finanziell nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut geht. Die Elterngeneration war vielleicht die erste studierende und ganz sicher die erste, die nach dem Krieg in gesicherten Familienverhältnissen aufwuchs. Unsere junge Frau hat vielleicht Geschwister, an denen sie sich misst und die die geforderte Anpassung an vermittelte Rollenbilder scheinbar problemlos meistern, den wer sieht von außen nicht perfekter aus als wir selbst?

Geben wir der angenommenen jungen Dame ihr Kind an die Hand und lassen die Beziehung zu dessen Vater in der Lesart des Umfeldes/der ihrer eigenen Prägung "durch ihr Verschulden " (oder durch ihre mangelnde Anpassungsbereitschaft?) gescheitert sein. Ein von riesigen Schuldgefühlen überwölbtes Moment ihrer Geschichte. Wie wird sich diese junge Frau nach dem Ende der Liaison mit dem Kindsvater plus Familienalltag gefühlt haben? Sicher, sie wird sich Vowürfe machen.

 

Das Kind wächst bei Ihr auf, und ensprechend der Vernunft wird sie sich für das eigene finanzielle "Standing" nach der Trennung sofort für eine Stelle entscheiden. Sie merkt womöglich, das sich die finanzielle Sicherheit sich nicht so entwickelt, wie erhofft. Von der ideellen Zufriedenheit reden wir schon gar nicht mehr. (- Schade eigentlich, oder? Wäre das nicht unsere Frage an einen alleinerziehenden Vater: "Und, erfüllt es dich?")


Die vernünftige Wahl


Die junge Frau sieht ihr Kind 50 Stunden die Woche gar nicht und verpasst mit ihrer Vollerwerbstätigkeit das Gros zweier wichtiger Lebensjahre ihres emotionalen Kleinods. Gleichwohl, sie bildet sich berufsbegleitend fort und entscheidet sich schließlich für einen Universitätsabschluss, der sie aus der Jobmisere befreien soll. Seit der Schulzeit treibt die junge Dame der Gedanke eines kreativen Studiums um. Sie entscheidet zugunsten des Rates ihrer Eltern und des Umfelds, den Studienweg in die - "sichere" - Wirtschaft zu gehen.

 

Das Studium beginnt. Es ist etwas mehr Zeit für das Kindlein als vorher, die junge Frau fühlt sich trotz begleitenden Jobs freier und spürt große emotionale Nähe zu ihrem Kind. Alles für eine bessere Zukunft. Allein, die Zufriedenheit mit dem Studium will sich nicht einstellen. In einem höheren Semester entschließt sich die junge Frau zu einer Aufnahmeprüfung in einem kreativen Studiengang in der Großstadt, den sie seit ihrer Schulzeit erfolgreich meidet. Sie bekommt Bestärkung und positives Feedback, das Studium aufzunehmen.

 

Die Gabelung


Sie bemüht sich um Kindergarten, Wohnung und was es sonst braucht. Alles könnte gut sein. Wäre da nicht der Druck des Umfeldes - und natürlich! der des Kindsvaters - auf die junge Frau. Der Vater fordert keine weiteren Wechsel der Kindssituation. Von der Dynamik des Kindswachstums und der baldigen Einschulung wollen wir gar nicht reden - sie sei Wechsel genug. Die junge Fru müht sih zu verstehen - was leichter fiele, wären da nicht der Druck, die Einsamkeit, die fehlende Bestätigung und die mit der Trennung vor Jahren vereisten Freundschaften. Die Ächtung durch das Umfeld jedes Mal, wenn sie alte Freunde aus der Zeit des normalen Familienalltags trifft. ("Ach, du bist ja gar nicht so scheiße wie immer alle erzählen." Solche Kommentare passieren.) Alles in allem Vorwürfe, die an ihr nagen und denen sie sich seit Jahren nicht entziehen kann - und die nun in jener prekären Situation ihre volle Wucht entfalten.

 

Zurück zur Gegenwart: Der neue Weg stellt sich unabhängig von den Schwierigkeiten mit dem Kindsvater als möglich dar. Auch die Eltern der jungen Dame versagen ihr jedoch jetzt jegliche Unterstützung. Nein, ideell seien sie - seufzen sie - natürlich an der Seite ihres Kindes; aber die Studiengebühren und des Paradigmenwechsel veranlassen sie, per gutem Rat (und mittels emotionalem Stress) auf die Tochter, die gleichzeitig Mutter ist, bezüglich einer Fortsetzung des begonnen Studiums zu appellieren. Die junge Frau steht an diesem Scheidepunkt vollständig allein da. Wichtige Freunde wenigstens raten und bieten Halt. Aber der Halt der Herkunftsfamilie, den die alleinstehende junge Frau vor dieser mutigen Entscheidung dringend bräuchte, fällt weg. Der Vater des Kindes reagiert indes weiter mit Unverständnis.


Die alten Schuhe


Der alte Vorwurf nach dem "mangelnden Blick auf das Kind" aus der Trennungszeit kehrt wieder. Alte Bekannte werfen der jungen Frau mit dem Wunsch nach dem Studien- und dem damit einhergehenden Ortswechsel einen "Selbstverwirklichungstrip" vor. Die Tatsache, dass die junge Frau über die finanziellen und ideellen Folgen dieses Paradigmenwechsels für sich und die Zukunft ihres Kindes sehr genau nachgedacht haben könnte, wird schlicht nicht erwogen. Wenn sie dies wirklich wolle, habe sie nicht genug nachgedacht, so ihr Umfeld.

 

... neu besohlt


Die junge Frau zweifelt zunehmend an ihrer Entscheidungsfähigkeit. Die Möglichkeit, einfach dazubleiben und weiter um ihres Kindes willen einem für sie "abgelegten" Weg zu folgen, erscheint ihr schlicht nicht umsetzbar. In den Wochen vor dem Gespräch mit dem Vater des Kleinods wird sie, mitten in Job, Studium und eventuelle "neuer Wahl" noch zusätzlich durch die Tatsache unter Druck gesetzt, dass der Vater die Möglichkeit thematisiert, ihr das gemeinsame Kind gerichtlich zu entziehen. (Zu bemerken ist hier: Sie wollte weder dem Vater sein Kind entziehen noch weiter von dessen Wohnort wegziehen.) Diese Drohung also? Eine Katarsis.

 

Die Wanderung


Geht sie ihren Weg weiter? Da sie das Bleiben als alternativlos empfindet, zunächst ja. Trotz der Sehnsucht nach Leichtigkeit, die hier und jetzt nicht zu erreichen ist, und die sie unglücklich macht, steht sie an der Weggabelung und schnürt die Schuhe. Da es vernunftgebundene Gründe gibt, den Weg jetzt zu gehen. Da die nächsten Schritte klar sind, wartet sie nicht mehr auf eine Bestätigung des Umfeldes. Aber auch, weil sich diese Zustimmung vielleicht erst mit dem Beweis positiver Resultate einstellt. Oder vielleicht nie. Es kostet sie täglich Kraft. Es bedeutet die tägliche Überwindung des inneren Richters, zumindest bis zum Ankommen in den neuen Lebensumständen.


Es bedeutet, sich täglich dem Umfeld zu stellen und eine ganz neue Qualität zu kultivieren: Die, nicht auf Ratschläge von außen zu hören. Die, ihrer eigenen Vernunft und ihrem Herzenswissen zu vertrauen. Zu wissen, dass sie für sich und ihr Kind immer zuerst Sorge trägt und dass ihr selbst das natürlich absolut klar ist - auch wenn das Umfeld sie glauben machen will, sie handle aus purem Egoismus. Es bedeutet gleichzeitig, sich vorübergehend wie ein trotziger Teenager zu benehmen und seinem eigenen Weg zu vertrauen. Dass trotzige Selbstliebe nicht dasselbe ist wie wirkliche innerste Selbstverbundenheit - das wird sie später noch lernen.

 

Das erinnerte Wissen


Mit dem Wissen, dass die besten Entscheidungen hinterher immer die waren, die man nach reiflicher innerer Überlegung ganz für sich, gaz allein getroffen hat, geht die junge Frau an diesem Punkt ihres Weges. Das Kind ist bei alldem selbstverständlicher Bestandteil des Prozesses. Die Informationen nach guten Schulen und Umfeldern waren die ersten Schritte. Der Finanzplan war Schritt zwei. Und erst dann kam der Rest. Wobei ganz davor das Herz stand. Aber das, das darf man als alleinerziehende Mtter heute nicht mehr sagen. Es ist verpönt, nicht zugunsten des Kindes mit dem Kopf zu entscheiden. Arme Gesellschaft.

 

Die Umkehrung


Am Ende dieser Story ein paar Fragen. Was wäre wenn... Wenn im umgekehrten Fall der Mann der Akteur wäre:

 

- Würde ein Mann zweifeln, ob sein Weg der richtige ist, bevor er ihn geht?

- Würde ein Mann, der das Kind erzieht, die Frau um Erlaubnis bitten - oder der Frau mitteilen, zu was er sich entschlossen hat und welche Konsequenzen das mit sich bringt?

- Würde die Frau daraufhin vom Mann verlangen, zu bleiben wo er ist und "vernünftig zu sein", wenn er einen neuen Job oder eine Ausbildung beginnen kann, die ihn erfüllt -oder brächte sie ehr Verständnis auf und böte sie eher Hilfe an?

- Würde ein alleinerziehender Vater, der für eine Ausbildung die Stadt mit dem Kind wechselt, vom Umfeld mit einer Selbstverwirklichungsmasche geächtet werden - oder würde es womöglich dem Umfeld darum gehen, dass das Kind gut betreut ist in der Zeit seiner Ausbildung. (O-Ton beste Freundin zum Vater wömöglich: "Ich find das ja eh toll, dass du das Kind so ganz allein erziehst." Ja. So sind wir Frauen...)

 

Der Spiegel zur Welt


Ich denke, hier geht es vor allem um die Bilder,die wir von Frau oder Mann haben.

 

Frauen gelten - vielleicht, weil sie traditionell zuhause waren und sich um die Kinder kümmerten, aber auch sich andere Aufgaben suchten, Nähzirkel, Caritas, Kaffeeklatsch, wasweißich - als sprunghaft, unvernünftig, unsicher. - Ja, wo sollten sie sich bisher denn beweisen? Und wo diese Kompetenzen entwickeln? Wo bekamen sie sie vorgelebt, wenn unsere Müttergeneration die erste oder zweite arbeitende ist? Männer gelten als Macher, als Vernunftmenschen, als Lösungsfinder, die pragmatisch noch auf den Bau gehen, um Brot kaufen zu können.

 

Die Wirklichkeit

 

Was dabei (abgesehen von vielem anderen) untergeht, ist die Tatsache, dass alleinstehende Mütter oft genauso vernunftorientiert und pragmatisch funktionieren und handeln wie Männer. Natürlich, denn es geht um ein wehrloses Wesen und ich persönlich kenne keine Mutter, die nicht noch ihr letztes Hemd für ihr Kind geben würde. Das muss aber nicht heißen, dass Frauen nun nur noch ein vernunftgesteueres Leben im Stakkato führen müssen, um dem Kind ein Aufwachsen in einem intakten Familienbild zu ermöglichen. Und das bedeutet auch nicht, dass der Vater, selbst nicht recht angekommen, dies von der Frau verlangen darf. Oder?

 

Das Glück des Kleinen


Die Frage, ob das Kind glücklich ist, wenn es die Mutter ist, sol hier wiefolgt beantwortet werden: Natürlich braucht ein Kind eine Wohnung. Es braucht Schuhe, Butter und Brot, Rituale, Freunde, Gewohnheiten. Aber für eine glückliche Kindheit braucht es noch mehr. Es braucht eine Mutter, die auch mal ohne Kindlein ausgeht, die auch Hobbies pflegt oder schlicht ein Leben mit einem Job, der sie so erfüllt, dass sie keine Hobbiesmehr braucht, weil Pflicht Kür ist - oder so. Damit sie Kraft sammelt, auch einen Kinderfreundenachmittag bei sich zu veranstalten. Eine Mutter also, ob alleinstehend oder nicht, die das tut, was sie mag und sich so wenig wie es geht, von den Erwartungen anderer verbiegen lässt. Es braucht Authentizität. Nicht Selbstbezogenheit, beileibe nicht. Aber es braucht authetische Mütter, die tun, was ihnen Freunde bereitet - MIT ihren Kindern. Damit sie FÜR ihre Kinder sein können.

 

Über Kinder ohne Mütter, also einen Wechsel des betreueunden Elternteils spreche ich hier nicht. Grund war die Entschlossenheit beider Eltern: Es sei nicht gut, Wochenendelternschaft oder Alltagselternschaft nach Gusto einfach hin- und herzutauschen. Einem Kind soll es im Alltag gutgehen. Ja. Und wichtigestes Umfeld sind die prägenden Erwachsenen im täglichen Umfeld. Dann geht ein Kind sicher in die Welt, wenn es zuhause sicher steht.


Die falsche Entscheidung

 

Wenn aber nun Mama Entscheidungen aufschiebt um des Kindes willen, und dann bitter wird, ohne es zu wollen - ist das dann optimal? Ist es gut, wenn man Angst hat, als Frau (oder Mann - aber hier und heute einmal die Frage: als Frau) mit Kind etwas zu ändern, weil die Foren voll sind von Berichten über Väterrechte, von Aufhetzung gegen die "Selbstverwirklichung von Rabenmüttern" - und weil man Angst hat, sein Kind zu verlieren, wenn man zu sich steht? Wenn man deshalb einen Lernprozess über die eigenen Freiheit aufstoppt? Ist das dann gut? Nein - sicher nicht - aber das sind die Erwartungen, mit denen jene junge Frau wie viele junge Frauen konfrontiert war. Was bleibt, wenn die Erwartungen des Umfeldes, von Gleichaltrigen, ehemaligen Partnern, Eltern, Großeltern so riesig sind, dass man, geschrieben oder ungeschrieben, einen täglichen Kampf kämpft, um sich über sie hinwegzusetzen?

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Das ist eine deutsche Geschichte. Ist das eine freie Gesellschaft? Die fehlende Wahl.

 

Für jene, die sagen, man könne die Schwierigkeiten beider Kulturen, der unserer Parabel und der aus Kekillis Kultur nicht vergleichen: Dies ist lediglich ein Hinweis. Ein Hinweis, dass auch wir noch weit weg sind von einer gleichberechtigten Gesellschaft. Ist psychische Gewalt nicht auf einer Stufe mit körperlicher? Und kommt es nicht beinahe einer Todesdrohung gleich, wenn eine Frau fürchten muss, ihr Kind zu verlieren - oder sich selbst?

Ich schließe in tiefer Verbundenheit mit Sibel Kekilli: "Was ist so bedrohlich an einer freien Frau?"

 

Und du? Hast du Angst vor einer starken Frau? Oder bist du eine? Was hat es für dich gebraucht, um da hin zu kommen? Hat es sich auch manchmal ausgezahlt, doch auf dein Umfeld zu hören? Oder tust du das schon lange nicht mehr? Wann hast du dich schwach gefühlt - in die Enge getrieben - und wie darauf reagiert? Bist du schon fertig mit dem Starkwerden? Oder sind wir das nie? Ist unsere Gesellschaft in ihren Rollenbildern bereits emanzipiert? Oder geht die das am Popöchen vorbeit, weil du lieber mit Freundinnen Kaffee trinkst, nachdem ihr shoppen wart, eure Kinderwagen neben euch, bevor es nach Hause geht, Kuchen backen? :) In jedem Fall: Lass mich teilhaben. Ich freue mich darauf. Jules