Zeitverwendung | Von  Grossmutters Güte und der Einmaligkeit des Seins

Was würdest du tun, wenn du genau wüsstest, wie lange du noch Zeit hast für die Erfüllung oder das eigene Glück?

Was würdest du tun, wenn dir dieses Leben plötzlich nicht mehr als lange Spanne erscheint, sondern einen Termin bekommt? Denn das hat es. Man nennt es Phasen. Nur leider hat die Zeit IN diesen Phasen oft etwas Grenzenloses. Wenn du statt Grenzenlosigket einmal daran denkst, dass dieses Leben einen Schlusspunkt hat, passiert in dir etwas. Dein Fokus ändert sich. Das kann heilsam sein und wach machen. In diesem Sinne: Guten Morgen! Ich fordere dich jetzt nicht auf, deine Familie zu verlassen und dein Ding zu machen. Ich sage auch nicht, dass du in jedem Augenblick das große Glück erleben musst - oder kannst.  Ich frage nur, was ungetan bleibt, wenn du beständig Ausschau nach morgen hältst. Oder versuchst, den Autofokus statt auf die Wäsche im Vordergrund auf die Ferne zu richten. Was passiert dann? Du siehst nicht die Mitte.

Auf der einen Seite der Alltag. Das Liegengebliebene. Auf der anderen Seite der Stress -  immer was machen, das richtige tun, immer wählen müssen. Der Komfort, das tun zu können, sicher. Aber auch: die Erwartung. Wir können nicht gut abwägen. Wir sind keine Roboter. Ich frage wegen dem Milchkaffee am Morgen und den vielen Terminen danach: Was verpasst du zu tun? Was lässt dich innehalten? Was würdest du deinem Ich sagen, wenn das heute ein Tag werden soll, den du nicht bereust?

Ich ... würde meinem Kind sagen, das ich es liebe. Und es dabei ansehen, und zwar drei Sekunden länger als ich es sonst ansehe. Dann würde ich mir denken "Warum klappt das sonst nicht?" und mir Vorwürfe machen. Mein Großmutter-Ich, weise und etwas zerstreut von ganz hinten in meinem Kopf würde die Antwort murmeln. "Herzchen, weil das das Leben ist. Weil wir Menschen sind. Es klappt nicht immer, aber manchmal denken wir dran. Wie du jetzt gerade."
Ich würde schauen. Auf mein Kind, während es Sätze ohne Punkte baut, mich zu Schokolade am Morgen zu überreden versucht und plötzlich verträumt dasteht, obwohl der Bus gleich fährt.

Ich würde meinem Partner sagen, dassich ihn liebe und ihn fragen, ob ich ihm heute etwas abnehmen kann - weil er mir die vergangenen Tage sehr viel zur Seite gestanden hat. Auch ihn würde ich etwas länger ansehen als sonst,bevor er sich verabschiedet, und natürlich wäre er irritiert. Dann würde ich mich mit einem Milchkaffee hinsetzen, und wenn das Gedankenkarussell anspringt, würde ich wissen, dass mein Kopf schon eine Wundermaschine ist: Was der alles auf die Reihe kriegt. Und dass ich sonst, außerhalb von diesem Menschenleben, weder Terminpläne noch Sinnesfragen darin habe. Und dass das ganz schön schade wäre.
Danach würde ich im Alltagschaos untergehen. Gelegentlich würde ich aufatmen und merken, dass die Luft frisch durch meine Lunge und meinen Körper zieht, und dass die Welt grün ist und blau und weich und klar heute morgen auf den Straßen.

Ich würde meine Füße spüren, wie sie den Boden berühren und mir vorstellen, ich trüge Wurzeln unter ihnen, um nicht abzuheben. Baumwurzeln. Wieder so ein Kopfwunder, diese Vorstellungskraft. Nach diesen hochfliegenden Gedanken würde ich mich erneut in Hätte, Könnte, Wäre, Müsste, Sollte und Muss verlieren. Und das Nötigste erledigen. Und mich wieder erinnern. Schuldbewusst.  Und dann würde ich weise vom Ende meines Lebens schauen, wie mein Großmutter-Ich "Entspann dich, Kind", brummelt und mich gütig ansieht.

Und noch etwas wäre anders, etwas Wesentliches: Ich würde wissen, dass heute keine Zeit ist, die großen Pläne, denen ich immer nachrenne, noch umzusetzen... sich in einer unerreichten Zukunft zu verlieren. Ich würde wissen, dass ich nur noch einen kleinen Schritt in deren Richtung gehen kann. Und ich würde damit ZUFRIEDEN sein. Weil ich wüsste, ich komme nicht in der Realität an, die ich träume. Aber in meiner Realität. In meinen kleinen Schritten.

Und plötzlich käme ich wieder zu Atem.

Am Nachmittag würde ich mein Kind abholen und es fragen, wozu es heute Lust hätte und mit wem. Ich würde mein Handy ausschalten und keine Arbeit mitnehmen. Wir würden Eis essen und uns bekleckern (ungeachtet dem "Ich finde keine Hose, Mama!", das aus solchen Laissez-faire-Nachmittagen zwangsläufig folgt). Ich würde mich zwischendurch heimlich ärgern über nicht Getanes - dass ich niemandem helfe auf der Welt, dem es schlechter geht. (Ich bin mehr so ein Überweiser und Gefälltmirklicker.) Und Großmutter würde im Background meiner Synapsen murmeln "Schau auf den Kleinen, genieß es."

Und später würde ich jemandem in die Augen sehen, der zufällig zurückguckt, ich würde lächeln, meinem kleinen Sohn über den Kopf streichen und seinen atemlos gesprochenen Worten lauschen, ich würde die Möwen sehen , die um's Hochhaus kreisen und dankbar sein, dass er mich daran erinnert wie voll die Welt ist von Dingen, die wir verpassen, wenn wir nur geradeaus, vor oder hinter oder neben uns schauen, ob wir auch niemandem auf die Füße treten.
Abends würde ich müde ins Bett fallen, nachdem ich meinen Eltern gedankt hätte, dass sie mich geboren, geliebt und geprägt haben. Ich würde meinen engsten Freunden schreiben, wie wunderschön es ist, dass sie meinen Wortschwällen und meiner Verzweiflung gelauscht und mir darin immer geraten haben. Und dann würde ich mein Kind neben mir atmen hören mit seinen nassgeschwitzten Haaren, und es würde leise murmeln "Mein Seelenvogel hat gerade gekichert in meinem Bauch" und ich würde wissen, dass alles gut ist, so gut wie es nur sein kann, in dieser Welt, an diesem Tag, in dieser Nacht, in diesem Leben.

Und du? Was wäre, wenn du jetzt einen Termin bekämst - für dein Leben, für dein Glück, dein Ankommen? Was würde ungestraft ungetan bleiben? Was möchtest du noch tun? Was willst du nicht bereuen? Wofür gibt die diese Idee Kraft? Wir können versuchen, den Fokus von gestern und morgen in die Mitte zu legen. Wir können es nur üben. Ganz perfekt wird es nie. Wir werden immer wieder abschweifen mit dem Verstand, uns Vorwürfe machen, Dinge denken, die wir zu denken gewohnt sind. Und nur in der Gegenwart zu bleiben ist nicht immer die Lösung. Aber dieses Großmuttergefühl zumindest lehrt: Güte mit unserer Gegenwart, die Normalität kleiner Schritte. Nachsicht mit dem Kopf. (Wir sind Menschen. Das ist kein Vorwurf.) Erzähle mir von dir. In den Kommentaren. Ich freue mich auf  dich. Jules

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